Die Initiation

TrommelCHU’MANA (das Schlangenmädchen) stand am Waldrand und lauschte den Trommeln. Bum bum-bum, Bum bum-bum, lockten die Trommeln ins Dorf. Sie riefen zum Fest. Ihrem Fest? Das kann nicht sein. Bisher hatte sie noch nicht ihre Zustimmung gegeben. Hatten ihre Eltern wieder einmal über ihren Kopf hinweg entschieden?

Die junge Frau zählte inzwischen 21 Winter und sollte innerhalb des Stammes die wichtige Aufgabe als Medizinfrau übernehmen, da der Medizinmann schon sehr alt war und immer mehr leidend. Die Kräuterkunde war ihr von den Großeltern gelehrt worden. Ihr Großvater war der Medizinmann im Dorf und die Großmutter unterstützte ihn dabei.

Seit nun fünf Tagen war CHU’MANA unterwegs und sammelte Kräuter, meditierte und fastete. Auf diese Weise versuchte die Squaw ihre Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen, um die richtige Entscheidung zu treffen. Sie wusste um die große Aufgabe und wollte sich dafür prüfen. Wie es nun aussah, hatte der Ältestenrat bereits entschieden. Nun gut, dann wird sie sich dem wohl fügen.

CHU’MANA folgte dem Trommelklang zum Dorf. Die letzten hundert Meter schlich sie sich an den hohen Palisadenzaun des Dorfes heran. Das ’sich sehr leise bewegen‘ konnte sie. Deshalb hatte sie vor vielen Jahren den Namen „Schlangenmädchen“ erhalten.

Der Klang der Trommeln war laut. Er war im Gleichklang mit ihrem Herzen und dröhnte durch ihren Körper. Sie fühlte sich eins mit dieser Musik.

Am Dorfplatz standen alle Männer und Frauen im Kreis. Sie waren bemalt. Die untere Gesichtshälfte war in einem schönen Kobaltblau. Darüber, bis zu den Augenbrauen, waren sie Blutrot bemalt. Jeder hatte eine Art Reisigbesen in der Hand und hüpfte zum Takt der Trommeln. Gleichzeitig wurde mit dem Reisigbesen etwas zur Mitte des Platzes gekehrt. Es war Mais! Das Maisfest hatte begonnen und sie hatte es doch tatsächlich verdrängt.

Just in diesem Moment wurde sie vom Häuptling entdeckt. Er wurde von CHUMANI (Tautropfen), seiner Frau und Mutter von CHU’MANA begleitet. „Wo bleibst du Tochter?“ wurde sie von beiden gefragt und ins Tipi bugsiert. „Mit dem Start des Maisfests wirst du heute für deine große Aufgabe geweiht. Bist du vorbereitet?!“ CHU’MANA nickte. Während sie unterwegs war hatte sie sich im Hinblick auf die Weihe gereinigt und die Vorkehrungen dafür getroffen. Auch wenn sie die Entscheidung noch nicht treffen wollte, war ihr die Größe ihrer Pflicht immer bewusst gewesen.

Im Zelt warteten bereits die Großeltern mit einigen Frauen auf sie. Die Kräuter wurden ihr abgenommen und in eine Truhe im hinteren Bereich des Tipis verwahrt. Die Frauen sollten die junge Frau nach den Anweisungen der Großmutter für die Zeremonie bemalen und schmücken. CHU’MANA stand nackt da und wurde von Kopf bis zu den Füßen mit Kalk Weiß bemalt, einschließlich der langen schwarzen Haare. Mit einer Erdmischung wurden Arme und Oberschenkel mit verschiedenen Zeichen versehen, die die Kraft für die neue Aufgabe verstärken sollten. Federn von einem Adler schmückten ihren Kopf und eine Rote Spirale verlief um ihren Bauchnabel und lief zwischen ihren kleinen Brüsten aus. Während der Vorbereitung wurde CHU’MANA ganz ruhig, die Unruhe fiel von ihr ab. Ja! Jetzt war sie bereit. Abschließend wurde ihr ein, mit roten Federn, geschmückter Reisigbesen in die Hand gedrückt und sie durch den Ausgang nach draußen geschoben.

Die Trommeln schlugen nun einen anderen Takt, unterbrochen von Rasseln, die aus der Klapperschlange und hohlen Kürbissen gefertigt waren. Die Frauen des Stammes trillerten in einer Lautstärke, die durch Mark und Bein gingen. Der Medizinmann hatte einen Trank vorbereitet und brachte davon eine größere Kalebasse für CHU’MANA. Sie nahm einen großen Schluck und reichte ihn an den Medizinmann zurück. Auch er trank und reichte die Kalebasse an den Häuptling weiter. Der Rest des Trankes wurde Mutter Erde übergeben, in dem ein großer Kreis um CHU’MANA gezogen wurde. Der zusammen gekehrte Mais lag in der Mitte des Kreises und die Squaw standen darauf. Der Medizinmann rief die vier Elemente an, malte Zeichen in die Himmelsrichtungen und sprach die rituellen Sätze, die CHU’MANA nachsprach. Nachdem diese Worte gesprochen waren lief ein Zucken durch das Schlangenmädchen und sie sackte auf dem Mais zusammen. Sie atmete heftig, wand sich schlangengleich. Der Trank zeigte seine Wirkung. Die Zeremonie war damit beendet.

Die Stimmen der trillernden Frauen verstummten und die Trommeln schlugen wieder ihr Bum bum-bum, Bum bum-bum im Herz-Rhythmus. Nach etwa fünfzehn Minuten erhob sich CHU’MANA und dankte den Göttern.

Jetzt konnte das Fest richtig beginnen. Die nächsten sieben Tage wurde mit Mais und Gemüse in allen Variationen gefeiert.

 

(Nachwort: Diese Erzählung entstammt einer meiner schamanischen Reisen. Verschiedene Indianervölker feiern tatsächlich ein Maisfest. Wie es jedoch genau abläuft ist mir unbekannt.)

©UMW


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