Die Nacht, die alles veränderte

Es war Mittwoch, der 20.09.2006 als es bei mir an der Haustüre klingelte und das zur fortgeschrittenen Stunde. Ich war allein zu Hause. Meine Kinder bei ihrem Vater. Über die Sprechanlage fragte ich nach. Es war mein damaliger Ex-Partner und er kam gerade vom Oktoberfest. Betrunken war er nicht, vielleicht ein wenig angeheitert. Er wollte unbedingt mit mir reden. In mir war ein komisches Gefühl, aber ich habe es nicht beachtet.

Ich kannte ihn und hatte ihn ja auch einmal geliebt. Also ließ ich ihn entgegen aller Warnglocken in meine Wohnung. Er saß mir, eine Tischlänge entfernt, gegenüber. Für mich war die Beziehung beendet. Bestimmt schon fünf Wochen. Was wollte er denn noch? Erst wollte er, dass wir die Beziehung wieder aufnehmen. Als ich ihm klar machte, dass das nicht in meinem Sinne sei, wurde er böse und beschuldigte mich, weil er Probleme beim Sex mit anderen Frauen hatte. Nein, mir war nicht zum Lachen! Nach mehrmaliger Aufforderung ist er dann doch gegangen. Prima! Gut gegangen. Dieses „dumme“ Gefühl also unbegründet.

Nach einer Weile klingelte es wieder. Er forderte mich auf, ihm ein Taxi zu rufen. Das konnte ich ja tun. So versuchte ich ein Taxi zu rufen. Sämtliche Leitungen waren ununterbrochen belegt. Schlechte Zeit. 23 Uhr und sämtliche Taxen unterwegs. Er klingelt wieder und ich teile ihm das mit. Er schimpft vor sich hin. Der Gut-Mensch, der ich nun mal bin… Ja, ich habe ihm angeboten ihn nach Hause zu fahren. Und wieder die Warnglocken missachtet.

Bei ihm angekommen, sollte ich mit reinkommen und meinen Scheiß mitnehmen. Ich konnte mich nicht erinnern, was das sein sollte. Also bin ich mit gegangen. Nochmals die Warnglocken überhört. Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt. Selbst da noch!

Ich blieb in seinem Zimmer wartend stehen, während er ins Bad ging. Dann kam er wieder und hielt zwei Dosen Haarpflegemittel (!) in der Hand. Die hätte er auch im Müll entsorgen können.

Den Gedanken hatte ich noch nicht wirklich zu Ende gedacht, da flog ich durch das halbe Zimmer auf sein Bett. Genau deshalb hatten die Alarmglocken geschrillt. Und ich dummes Weib hatte es nicht hören wollen. Das war die Strafe. Für meine Dummheit!

Mit seinen etwas mehr als 1,90 m und gut 100 kg saß er auf mir, so dass ich keine Möglichkeit mehr hatte mich zu bewegen. Schimpftiraden gingen auf mich los. Blöde Kuh! war dabei das harmloseste. Schlimmer, viel schlimmer waren seine Rufe: „Ich bring dich um! Ich bring dich um!“ Er schlug auf mich ein, so dass der Kopf einmal nach links und einmal nach rechts flog. Klatsch links, klatsch rechts! Ununterbrochen. Schon komisch, dass sich der Kopf dabei gar nicht gelöst hatte. Ich schrie und schrie und schrie. Heulte… In der Wohnung darüber wurde die Musik immer lauter gedreht. Feige Nachbarschaft!

Das Schreien hat ihn irgendwann gestört, also drückte er die Luft ab. Mir wurde schwarz. Ich musste aber dableiben. Meine Kinder brauchten mich noch. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er endlich von mir abließ. Mich gab es da nicht mehr. Ich war zerbrochen. In tausende von Einzelteilen.

Er war da und sein Tun hat ihm nicht gereicht. Er wollte noch meinen Körper und nahm ihn sich. Inzwischen war ich nur noch eine Puppe. Willenlos! Nachdem er sich abreagiert und sich befriedigt hatte war er ruhig. Er ging ins Bad. Ich zog mich an und ging. Er ließ mich gehen. Zerschlagen und erschöpft schleppte ich mich zum Auto. Ich stand unter Schock. Wie ich nach Hause gefahren bin wissen nur die Götter! Das Auto blieb unbeschädigt und kam heil in die Garage.

Am nächsten Tag schaute mich ein mir unbekanntes Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Das Gesicht war um die Hälfte aufgeschwollen, ein Brillenhämatom erblühte am rechten Auge. Der Hals wies starke Würgemale auf.

Die Frau im Spiegel verwandte fast eine Flasche Make Up zum Abdecken und viel Puder bis die Male unsichtbar waren. Für den Moment! Ein Seidentuch verdeckte die Blutergüsse am Hals.

So bemalt und fremd ging ich zum Kurs, den ich gerade besuchte. Im Seminarraum sah mich eine Ärztin aus Berlin an, eine hellsichtige Afrikanerin. „Wer hat dir das angetan? Wer hat dir dein Herz gebrochen?“ fragte sie mich erschrocken.

In diesem Seminar beschäftigten wir uns mit unseren medialen Fähigkeiten, deshalb fühlte ich mich wohl, in einem geschützten Rahmen.

Der Seminarleiter fragte mich, ob ich denn bei der Polizei gewesen sei. Darüber hatte ich mir bis dahin keine Gedanken gemacht. Ich schämte mich und wollte das nicht „breit treten“. Der Seminarleiter bot mir an, mich zu begleiten. Ich wies ihn ab und sagte, ich würde mit einer Freundin gehen. Er nahm mir hier das Versprechen ab.

Nach dem Seminartag rief ich eine Freundin an, die mich zur Polizei begleitete. Es kümmerten sich zwei Polizisten um mich. Die Ausfragerei empfand ich beschämend. Die Vergewaltigung verschwieg ich. Es war als wenn das ganze Präsidium zuhörte. Es war eine Zumutung. Auch andere Kläger saßen mit im Raum, wenn auch an einem anderen Tisch. Mir war, als wenn ich direkt vor laufender Kamera säße…

Der Täter meldete sich auch noch einmal bei mir. Ihm ging es nur darum, dass ich ihm seine „weiße Weste“ nicht mit meiner Anschuldigung beschmutzen solle.

Nach einem Viertel Jahr nötigte mich ein Freund mir einen Anwalt zu nehmen und die Vergewaltigung mit anzuzeigen. Ich tat es. Für eine solche Sache sollte Frau sich eine Anwältin nehmen, keinen Anwalt. Wie oft ich die Sache erzählen musste ließ schon den Schluss zu, dass er sich daran nur aufgeilte. Irgendwann im Frühjahr 2007 hatte ich einen Termin bei einer Staatsanwältin wegen der Erweiterung der Anklage. Diese zerpflückte mich noch einmal. Die Aussage wurde auf Band aufgenommen. Dann war ich erst einmal fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Mein Leben hatte sich verändert. Ich hatte Angst vor die Tür zu gehen, blieb nur noch zu Hause und war nur noch ein Schatten meiner selbst. Ich, der Scherbenhaufen, fügte wieder Stück für Stück aneinander. Nichts passte wirklich zusammen. Aber das war ja egal. Ich lebte. Irgendwie. Ich war ganz. Nach außen hin. Und ich hatte mich in der Gewalt. Mit verschiedenen Heiltechniken habe ich diesen Vorfall bearbeitet. Man kann nur die Spitze des Eisberges kappen, wurde mir gesagt. Komplett ist es nicht aufzulösen. So ist es. Man muss damit leben. Meistens geht es sehr gut. Ich habe lange nicht mehr daran gedacht. Aber jetzt jährt es sich zum zehnten Mal. Da hat es mich wieder einmal voll erwischt.

Der Täter hat für versuchten Totschlag 2,5 Jahre Haft auf Bewährung erhalten. Dazu 5000 € Schmerzensgeld und 150 Sozialstunden. Ich frage mich immer wieder, ist denn ein Menschenleben nur so wenig Wert? 2,5 Jahre auf Bewährung!

Vom Schmerzensgeld hatte ich nichts. Das ging für die Anwaltskosten drauf.

Andere Frauen wären daran tatsächlich zerbrochen. Ich wurde hart. Sehr hart. Aber ich hatte Menschen an meiner Seite, die mir sehr geholfen haben. Ich hatte meine Kinder, die mir allein durch ihr DA-Sein geholfen haben am Leben zu bleiben.

Ja, ich lebe. Und nach zehn Jahren kann ich sagen, die Scherben sind nicht mehr so kantig und von den Jahren wieder glatt geschliffen. Ich habe meine Lebensfreude wieder und bin ein überwiegend fröhlicher, aber auch sehr nachdenklicher Mensch.

Und das schöne ist, ich kann so langsam wieder jemand vertrauen und Liebe zulassen. Dafür bin ich ganz besonders dankbar.

©UMW


6 Gedanken zu “Die Nacht, die alles veränderte

  1. Betroffen machen mich deine Zeilen, liebe Ulrike,

    denn sie sind mutig – „das Ganze“ endlich vollständig verarbeitend pro Seele – verfasst,
    das Thema der sexuellen Liebesbeziehung im Detail darstellend, wenn die gegenseitige Liebe inzwischen schon längst wieder verflogen ist, doch eine Partnerschaftsseite immer noch gemeinsamen sexuellen Erlebnissen und Begierden nachhängt.

    Alarmglocken sind eben immer nur Alarmglocken. Will mann/frau sie nur hören, nicht aber ihnen folgen, dann kann dies manchmal auch zur Katastrophe führen, so wie im dargestellten Fall…

    Ich bin sehr froh darüber, dass es dir nach vielen Jahren des Verlustes, Schmerzes und der Trauer inzwischen wieder gut geht!

    Herzliche Septembergrüße vom Lu

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke dir lieber Lu für deine lieben Zeilen,
      ich hätte sicher nie darüber schreiben können, wenn es nicht schon so weit verarbeitet ist. Dieses Bewusstsein gegen mein Gefühl gehandelt zu haben schmerzt manchmal mehr. Inzwischen achte ich auf meine Intuitionen. Dafür sind sie ja da 😉
      Wundervolle Septembergrüße von
      Ulrike

      Gefällt 1 Person

  2. Deine Geschichte so aufzuschreiben ist sehr mutig, liebe Ulrike. Ich danke Dir für das Vertrauen, dass Du in uns, die LeserInnen setzt. Es ist so wichtig, dass wir solche Geschichten öffentlich machen, denn fast jede Betroffene denkt, sie ist alleine damit und hat vielleicht noch selbst schuld an dem, was ihr passiert ist. Und dann übernimmt sie die alleinige Verantwortung und schützt damit die Täter, die sich dann wahrscheinlich auch noch im Recht sehen.
    Mir zeigt der Text noch einmal, wie wichtig die Alarmglocken und das Bauchgefühl sind. Ich habe mich früher manchmal in Gefahr begeben, weil ich nicht darauf hörte. Zum Glück ist es weitegehend gut gegangen, weil ich einen fleißigen Schutzengel hatte.
    Ganz liebe Grüße und schön, dass Du Dich wieder öffnen und vorsichtig Vertrauen gewinnen kannst! Regine

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Regine, danke für deine Worte. Alles hat seine Zeit und gerade jetzt fühlt sich alles recht gut an. Ich habe dadurch sehr viel gelernt. Auch wenn es hart war.
      Schönen Herbsttag für dich.
      Herzlichst Ulrike

      Gefällt 1 Person

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