Wildheit (II)

Der Tramper

Tara hing ihren Gedanken nach während sie die Fernbedienung zur Öffnung des Tores betätigte. Hier stahl sie gerade ein Fahrzeug. O.k., sie sah es mehr als ausleihen. Irgendwo wollte sie das Auto dann stehen lassen. Vorerst war es ihr wichtig, möglichst schnell viel Strecke zu bewältigen.

Mit Bedacht lenkte sie den Wagen aus der Ortschaft. Es war noch früh am Morgen und sie konnte den Morgenstern erkennen. Ein Kaffee wäre ihr jetzt Recht. Sie steuerte auf eine Tankstelle zu und parkte das Fahrzeug außerhalb des Kamerasystems. Geschmeidig glitt sie aus dem Fahrzeug und ging zum Kaffeebereich. Es war noch leer und so unterhielt sie sich kurz mit der Frau hinterm Tresen während ihr Cappuccino durchlief. Um ihren Kaffeedurst zu stillen bestellte sie noch einen Becher zum Mitnehmen. Während sie den leeren Kaffeebecher schwungvoll in die Mülltonne warf kam ein neuer Gast durch die Türe. Fast wäre sie in ihn hineingerannt. So schwappte ihr Kaffee nur heftig gegen die Becherwand. Glücklicherweise nichts verschüttet. Aus den Augenwinkel nahm sie eine hühnenhafte Gestalt mit Locken wahr. In Gedanken war sie jedoch schon bei der Weiterfahrt. Am Fahrzeug angekommen, stellte sie ihren Cappuccino auf das Autodach und streckte sich noch etwas und machte Übungen, um ihren Körper besser zu aktivieren.

Sie spürte einen Blick auf sich und drehte sich um. Der Hüne beobachtete sie während er seinen Cappuccino trank. Fragend sah sie ihn an. Er grinste sie breit an und zeigte dabei strahlendweiße Zähne. Nach einem kurzen Gespräch war klar, dass er eine Mitfahrgelegenheit in Richtung Süden suchte. Er hatte kein direktes Ziel, wollte aber ans Meer. Sein überdimensionierter Rucksack würde den Kofferraum bis auf die letzte Lücke ausfüllen. Sie sah ihm in die blauen Augen und wusste, dass sie dem Mann vertrauen konnte. Außerdem gefiel er ihr. Also nickte sie. Gut, sie würde ihn mitnehmen.

Beide stiegen in das Fahrzeug. Sie erzählte ihm, dass sie kein Auto habe und sich dieses ausgeliehen hatte. Die Story dazu erfuhr er auch. Schallend lachte er und konnte es kaum fassen, dass sie so frech war. Es stellte sich heraus, dass er seine Heimat aus den selben Gründen wie sie verlassen hatte. Er wirkte jugendlich mit seiner offenen Art und seiner weltoffenen Sichtweise. Vieles hatte er hinter sich gelassen und wollte nun sein Leben neu ausrichten. Geld war in der heutigen Zeit nebensächlich geworden. Was sie brauchten würden sie sich in irgendeiner Weise beschaffen oder verdienen. Es gab so viele Möglichkeiten…

Beide spürten, dass sie aus ähnlichem Holz geschnitzt waren. Das konnte eine gute gemeinsame Zeit werden. Da sie sowohl Autobahnen als auch große Straßen mieden, steuerten sie über die ungenutzen Pässe. Ihr Beifahrer kannte sich in dieser Gegend recht gut aus und bot an das Steuern zu übernehmen. Tara war zwar selbst eine gute und sichere Autofahrerin, fühlte sich jedoch erschöpft und war dankbar über dieses Angebot. Die Frau fuhr in die nächste Parkbucht und überließ Didi die Fahrerseite. Sie war froh, die Haarnadelkurven nicht selbst fahren zu müssen. Enge Bergstraßen waren ihr schon immer ein Graus. So war es ganz gut, diesen Mann mitgenommen zu haben. Anfangs saß sie angespannt auf der Beifahrerseite. Mit jeder Kurve, die er souverän ansteuerte und durchfuhr entspannte sie zusehends. Irgendwann schlief sie ein.

Didi warf immer wieder einen Blick auf die Frau. Sie gefiel ihm sehr. Welch ein Glück, dass er sich getraut hatte sie am Parkplatz anzusprechen. Wer weiß, was er mit ihr noch alles erleben durfte. Von der Art her machte sie den Eindruck, dass es nie langweilig werden könnte. Am obersten Punkt des Passes fuhr er die Plattform an und stellte das Fahrzeug ab. Tara wachte auf und sah sich fragend um. Didi machte die Frau auf den schönen Ausblick aufmerksam. Beide stiegen aus dem Auto aus und atmeten die frische Luft auf den angegebenen 2.800 m tief ein. Sie ließen den Blick umherstreifen und sahen in einiger Entfernung eine kleine Hütte. Der Magen machte sich bemerkbar. Sie waren sich einig, dass es dort sicher ein gutes Frühstück geben sollte. Schnell stiegen sie ins Auto und fuhren die kurze Strecke zur Hütte.

Heimelig rauchte der Kamin und es duftete nach Holzfeuer. Tara klopfte an die Holztüre. Kurz darauf kam ein älterer Mann mit einem dicken Vollbart zur Tür heraus. Knurrig begrüßte er die Beiden und machte darauf aufmerksam, dass er nichts herzugeben habe. Sie schilderten kurz ihre Situation. Als er verstand, dass sie aus dem System geflüchtet waren wurde er freundlich und bot Kaffee mit Eier, Speck und Käse an. Das kam alles von seinen eigenen Tieren. Als Dank spaltete Didi die Holzscheite, die hinter der Hütte lagen. Der Alte hatte eine Verletzung und konnte das derzeit selbst nicht machen. Tara machte sich in der Hütte nützlich und räumte so gut auf wie sie durfte. So war allen geholfen.

Am frühen Nachmittag fuhren sie weiter. Sie wollten am Abend in Varese sein um am nächsten Tag in Genua einzulaufen. Dort wollten sie das Auto abstellen. Erst einmal wollten sie unbeschadet ihr Etappenziel erreichen. Der Almöhi hatte vor den vielen Flüchtlingen aus dem nördlichen Europa gewarnt. Es waren doch einige dabei, die sehr unfreundlich waren – überfielen und plünderten. Didi hatte im Auto einige Features entdeckt, die das Fahrzeug zu einem sicheren Ort machten. Er konnte eine Schussabwehr hochfahren und ein Knopf wies auf eine Verteidigungseinrichtung hin. Was genau diese Einrichtung machen sollte, war beiden unklar. Tara kramte im Handschuhfach und suchte nach der Betriebsanleitung. Tatsächlich fand sie etwas über diese Verteidigung. Es gab zwei Möglichkeiten. Die eine waren eine Schreckschussmunition, die andere sogar scharfe Geschosse. Hoffentlich brauchte es hierfür keinen Einsatz.

Nahe Varese, an einem kleinen See, entdeckten sie ein kleines verlassenes Häuschen. Der Schlüssel lag, wie von den meisten hiesigen Eigentümern hinterlegt, unter einem großen Stein. Während Didi Holz im offenen Kamin aufschichtete, suchte Tara nach Eßbarem. Sie fand eine gut bestückte Räucherkammer und Gemüse in einem kühlen Erdloch. Was sie benötigte nahm sie mit in die große Kammer und arrangierte es auf dem gedeckten Tisch. Für Gemütlichkeit zündete sie eine Kerze an. Sogar eine verstaubte Flasche Wein hatten sie im Buffetschrank gefunden. Beide machten es sich nach dem Essen auf dem engen Sofa bequem. Erfreut stellten sie fest, dass es eine Schlafcouch war und richteten es sich ein. Nach der anstrengenden Fahrt freuten sich beide auf den Schlaf.

Es waren wohl rund zwei Stunden vergangen, da wurden die beiden von einem Lärmen geweckt. Tara schreckte hoch und sah sich in der Umgebung um. Was war los? Didi gab ihr zu verstehen, ruhig zu sein. Leise standen beide auf und bewaffneten sich mit den Gerätschaften für den Kamin. Sie hörten Holz splittern. Da versuchte jemand sich gewaltsam Zugang zu verschaffen. Sie schlichen zur Lärmquelle und pressten sich an die Wand. Schon sprang die Türe auf und herein traten bärtige und verwahrloste Männer mit Brechstangen in der Hand. Tara schaltete das Licht ein und blendete so die Besucher. Während sie den einen zu Boden warf schwang sie ihren Feuerstock und traf damit einen anderen am Knie. Aufheulend sank dieser zusammen. Didi beruhigte die aufgeregten Männer, so dass es nur ein kurzer Kampf und einen Verletzten gab. Grimmig sah Tara die Männer an und schimpfte über deren gewaltsamen Zugang.

Die sechs Männer waren hungrig und entschuldigten sich für ihr Vorgehen. Seit Tagen schon hatten sie dieses Haus beobachtet und da sie nie jemanden sahen hatten sie sich endlich getraut, sich Zutritt zu verschaffen. Tara holte Essbares und stellte es auf den Tisch. Gesättigt wollten die Männer ausruhen und schlafen. Tara wieß ihnen im angrenzenden Stall Läger auf Stroh und Heu zu. In einem großen Schrank fand sie sogar Laken und warme Decken, die sie verteilte. Zufrieden und erschöpft legten sich die Einbrecher auf die weiche Unterlage. Eine Weile war noch ein Getuschel zu hören und dann war es wieder still.

Für Tara war an Schlaf erst einmal nicht zu denken. Dazu war sie einerseits zu ängstlich und andererseits zu aufgekratzt. Didi ging es nicht anders. Jeder nahm sich ein Glas Wein und legte sich wieder ins Bett. Unter gesenkten Augenlidern beobachtete Tara den Mann an ihrer Seite. Dieser ließ seinen Blick über den schlanken Frauenkörper schweifen. Er beugte sich über sie und küsste sie sanft auf die Lippen. Überrascht ließ sie sich küssen und öffnete ihren Mund. Mit ihrer Zunge strich sie vorsichtig über seine Lippen während er ihren Mund erkundete. Seine Hände strichen über die langen Haare und schoben sich unter das Shirt. Mit Freude erkundete er sein Gegenüber, zog ihr die Kleider aus und entledigte sich seiner. Sie krallte sich in seine blonden Locken und biss ihn in den Hals während er sich tief und fest in ihr versenkte. Sie fanden den gleichen Rhythmus und wurden immer schneller und schneller. Mit einem Aufschrei entlud er sich in ihr während sich ihre Nägel in seinem Rücken festkrallten. Erschöpft fielen beide in einen erholsamen Schlaf.

©UMW


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