Der Weg

Es war eiskalt. Die Bäume hingen voll Schnee, nachdem das pudrige Weiß die ganze Nacht herunter gekommen war. Die Luft war klar und sorgte für dampfende Atemwölkchen. Annabell lief, eingehüllt in ihren warmen Wintermantel, in den Wald. In ihrem Wollkleid verfing sich Schnee, der sich als Eisklumpen am Saum festhielt. Begleitet wurde sie von ihrem Falken, der seinen Platz auf dem Handschuh am linken Arm hatte. Hin und wieder ließ er einen Schrei hören. Warum hatte sie ihn überhaupt mitgenommen?

Zornig lief die Frau dahin. Sie hatte es satt, nicht für ernst genommen zu werden – nur weil sie eine Frau war. Dabei konnte sie lesen, rechnen, Reiten, mit der Armbrust schießen und ihren Falken bändigen.  Da konnte ihr nicht einmal ihr älterer Bruder das Wasser reichen. Als Frau war sie zu stark. Ihre Mutter sorgte sich, dass es keinen passenden Ehemann für sie geben könnte. Nun war sie ja doch schon Anfang zwanzig. Eine alte Jungfer in den Augen der Familie. Viel zu klug für die meisten. Wer wollte sich schon gerne etwas von einer Frau sagen lassen? Hinzu kam, dass sie viel zu direkt ihre Äußerungen anbrachte. Von Diplomatie hatte sie nur wenig Ahnung. Ihre Mutter bat sie um mehr Demut. Annabell sah es nicht ein ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Sie war gut, das wusste sie. Sie wollte einen Mann an der Seite, der sie so akzeptierte wie sie eben war. Nicht nur schön sondern eben auch klug. Viel lieber blieb sie unverheiratet als an der Seite eines Mannes, der sie weder akzeptierte noch verstand und am Ende selbst ihrem Intellekt nicht gewachsen war.

Tief in Gedanken lief Annabell dahin bis ihr ein Berg den weiteren Weg versperrte. Sie sah überrascht auf. Wo war sie denn nun gelandet? Der Berg war ihr noch nie aufgefallen. Es kam ihr alles fremd vor. Sie sah den Lauf der Sonne an und stellte fest, dass sie bereits einen halber Tag unterwegs war.  Wo sollte sie weiterlaufen? Oder war es besser wieder zurück zu gehen? Ihre Missstimmung war inzwischen verflogen. Ihre Wangen brannten und ihr war ziemlich warm. Sie sah sich interessiert um. Da entdeckte sie einen Höhleneingang. Vorsichtig spähte sie hinein. Es roch modrig nach Flechten und Moos. In der Ferne konnte sie Licht sehen. Das hieß, dass sie hier durchgehen konnte. Vorsichtig tappte sie durch das Gestein und erreichte den Ausgang auf der anderen Seite. Als sie aus der Höhle hinaus trat wurde sie von Sonne empfangen. Überrascht sah sich um. Kein Schnee und wunderschön warm. Annabell zog ihren Mantel aus und setzte sich auf die Lichtung. Erst einmal band sie ihren Falken los und lies ihn fliegen. Selbst streckte sie ihr Gesicht der wärmenden Sonne entgegen und hing ihren Gedanken nach.

Da, es raschelte neben ihr. Ihr Blick wanderte zu dem Gebüsch als gerade ein junger Mann mit einem Wolfshund heraus trat. Sie erschrak leicht ob der Größe des Hundes. Doch dieser kam schnuppernd auf sie zu, wedelte mit dem Schwanz und leckte ihre Hände. Glockenhell erklang ihr Lachen. Erfreut über die anmutige Frau setzte sich der Jüngling zu ihr. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie fast Nachbarn waren. Er war vor kurzem mit seinem Clan in das Anwesen neben dem ihrer Familie gezogen. Bei seiner Erkundigungen der näheren Umgebung sei er heute hier gelandet.

Friedrich war begeistert von der jungen Frau, die viel zu erzählen wusste. Ohne Scheu erzählte sie von den Menschen, die bei ihnen wohnten und ihre Tätigkeiten. Erfreut hörte er ihren Jagdgeschichten zu war erstaunt über die selbst erlegten Trophäen der Frau. Die Vielseitigkeit und das Wissen gefielen ihm. Die Mädchen, die er bisher kennen gelernt hatte waren häufig dumm und hatten nur neue Kleider im Kopf. Aber hier…

Die Beiden erfrischten sich am nahen Bach und beschlossen den Rückweg gemeinsam zu gehen. Sie verabschiedeten sich gemeinsam von dem Fleckchen Paradies und gingen durch den Fels wieder in ihre verschneite Heimat. Friedrich lieferte Annabell unversehrt bei ihren Eltern ab, stellte sich diesen noch vor und bat um ein Wiedersehen in den nächsten Tagen.

Annabells Eltern waren von dem jungen Mann sehr angetan und luden ihn mit seinen Eltern  für das kommende Wochenende ein. Es wurde ein unterhaltsamer Tag, bei dem schnell die Sympathien für Vertrauen sorgten.

Annabell war begeistert in Friedrich einen Mann gefunden zu haben, dem es gefiel sich mit einer attraktiven und vor allem klugen Frau zu schmücken. Friedrich gefiel ihre Herz erfrischende direkte Art und hielt – zur Freude beider Eltern – bald um die Hand der selbstbewussten Frau an.

So wurden die beiden ein Paar und lebten glücklich und zufrieden bis… Blablabla! Natürlich krachte es auch hier immer wieder! Es ist nie einfach mit einer selbstbewussten Frau. Durch gegenseitige Akzeptanz und Respekt gegenüber dem anderen haben sie es dennoch geschafft. Mit klärender Kommunikation konnten Missverständnisse direkt im Keim erstickt werden.

©UMW


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