Am Abgrund

Eine Bergepisode

IMAG0111Durch ihre Freundin Stella kam Ida zu einer WhatsApp-Wandergruppe. Es waren mit ihr elf Personen als Teilnehmer gelistet. Bis auf ihre Freundin kannte sie niemand. Wusste somit auch nicht, was das für Menschen waren. Mit fünf Frauen und sechs Männern war die Mischung recht homogen.

Gemeinsam wollte die Gruppe in den zahmen Kaiser und hier auf einer Hütte übernachten und an diesem Wochenende den einen oder anderen Gipfel erklimmen. Abhängig war es natürlich von der Schneelage. Insofern waren alle gut gerüstet mit Steigeisen und Gamaschen.

Bis zum Abfahrtstag verringerte sich die Truppe auf neun Personen. Stella und Ida waren die einzigen beiden Frauen aus München, die anderen kamen mit einer Stunde längeren Anfahrt aus Ingolstadt.

Am Kaiserparkplatz in Ebbs (Tirol) trafen sich alle. Es war eine bunt gemischte Truppe im Alter von Mitte zwanzig bis Ende fünfzig und der Mentalität von Ungarn, Spaniern, Kroaten, Serben, von Norddeutschen und Oberpfälzern.

Nach gut fünf Stunden war das Basislager in der Vorderkaiserfeldenhütte erreicht. Der Aufstieg war ohne Aufregung, aber mit wunderschönen Eindrücken.

IMAG0145.jpgIn der Hütte lies sich die Gruppe erst einmal die Schlafplätze zuteilen. Zwei Frauen und drei Männer gingen ins Lager und die anderen vier Personen bezogen jeweils ein Zwei-Bett-Zimmer. Die Überraschung im Lager war groß. Keiner konnte aufrecht stehen. Die Betten waren 60 cm schmal und später stellte sich heraus, dass die Füße keinen Platz zum Aufstellen hatten. Also alles sehr beengt.

Nachdem für die meisten der Aufstieg zu einfach war, beschlossen sie noch die Naunspitze zu erklimmen. Von der Hütte waren es eine gute Stunde Weg um das Gipfelkreuz auf 1600 m zu erreichen. Das letzte Stück war ziemlich felsig und erforderte etwas klettern und Trittsicherheit. Mit gegenseitiger Hilfe schafften es alle, sich oben dem Wind auszusetzen und eine Gipfelbrotzeit zu genießen. Der Ausblick entschädigte wieder einmal für alles.

Mit viel Frotzeleien der beiden Oberpfälzer (männlich und weiblich), lustigen Spielen und einem fröhlichen Miteinander ging ein anstrengender Tag zu Ende.

Die Lagernacht war für alle anstrengend. Viel Unruhe, dampfige Luft und die Unmöglichkeit sich auszustrecken sorgte nicht wirklich für einen erholsamen Schlaf.

Ein stärkendes Frühstück am Morgen und ausreichend Kaffee füllten die Reserven auf. An dem Tag teilte sich die Truppe. Drei Männer und zwei Frauen – darunter Stella und Ida wollten zur Pyramidenspitze. Durch Schneefelder war mit einem anstrengenden Tag zu rechnen und einer achtstündigen Wanderung.

 

Nach dem alle ihre Sachen verpackt und Wasser aufgefüllt hatten, ging es los. Die Männer legten gutes Tempo vor. Die Frauen liefen mit Abstand nach, jedoch immer in Sichtweite. Der Weg wurde mit der Zeit immer steiler. Ida war froh um ihre Stöcke, die ihr etwas mehr Halt und ein zügiges Vorankommen gewährleisteten. Die Aussicht auf die umliegenden Berge war gigantisch. Die Männer waren am Grat eingeholt. Jetzt hieß es jedoch über ein Schneefeld zu laufen. Chris machte immer wieder darauf aufmerksam, auf was zu achten sei.

Dann kam ein steiles Schneefeld, über das einzeln gelaufen werden sollte. Chris war der erste. Er machte tiefe Spuren, in die die anderen Wanderer treten konnte. Sandro folgte ihm erfolgreich. Danach lief David. Kurz rutschte dieser ab, fing sich jedoch sofort und kam ebenfalls gut auf der anderen Seite an. Flattrig stand Ida da und sollte nun als nächstes dieses Schneefeld queren. Bis zur Abrutschstelle von David ging es gut. Ida rutschte genau an der selben Stelle wie David ab, verlor jedoch den Halt. Ein Aufschrei von allen Seiten. „Auf den Bauch!“ rief Chris. Ida konnte stoppen und blieb zittrig im Schnee sitzen. Chris kam zu ihr und half ihr das letzte Stück. Nachdem auch Stella die Überquerung erfolgreich geschafft hatte, konnte sich die Gruppe wieder beruhigen.

Glücklicherweise hatte Chris sehr ruhig und erfahren reagiert. Er riet Ida erst einmal eine Energiezufuhr. Aus ihrem Vorrat holte sie sich einen Riegel, der ihr schnell wieder Kraft gab. Schon ging es wieder weiter. Die nächste Herausforderung war ein kurzer Klettersteig nach unten. Durch die Seilsicherung schafften das alle problemlos. Von da an ging es fast nur noch über Schnee voran. Saharastaub hatte sich auf dem Schnee verteilt, so dass dieser rötlich schimmerte. Nach einer weiteren Stunde hatten die Wanderer den Gipfel erreicht. 

In einem windgeschützten Bereich wurde sich bei einer zünftigen Brotzeit gestärkt. Der wundervolle Ausblick entschädigte für jegliche Anstrengung.

Danach folgte der Abstieg. Erst ging es auf einem schmalen Pfad, der dann aber wieder im Schnee mündete. Da wurde es anstrengend. Steil war es und tiefer sulziger Schnee. Den Frauen wurde gezeigt, wie es am sinnvollsten zu laufen ist. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schaffte es Ida recht gut. Auch hier kamen ihre Stöcke hervorragend zum Einsatz. Stella bekam einen Stock geliehen, denn bisher lief sie alles ohne Stöcke. Ohne Stöcke war der Schneelauf jedoch schwieriger.

Nach gut sechs Stunden kamen alle wieder an der Hütte an. Über eine Tasse Cappuccino freute sich Ida am meisten. Genussvoll schlürften die Frauen ihren Kaffee während sie die Sonne genossen.

Nach kurzer Zeit brachen die Männer ins Tal auf. Die Frauen wollten erst später los. So verabschiedeten sich alle voneinander.

Als es für Stella und Ida Zeit wurde aufzubrechen, zogen dicke Wolken auf und ein heftiger Wind. Glücklicherweise verblies der Wind die Wolken und der zweistündige Abstieg verlief sonnig und problemlos.

Es war ein anstrengendes und lehrreiches Wochenende, welches sich wiederholen wird.

©by UMW


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