Berechnend (Teil II)

Es war ein paar Tage her, dass Bruno zu Besuch bei Sabrina war. Er wollte seine Liebste zum nächsten Wochenende wieder sehen. Nach der Kälte in seiner Ehe hatte er Nähe und Wärme dringend nötig und das bekam er nun mal nur bei Sabrina.

In diesen Tagen hatte er einiges zu erledigen, zudem er aber keinerlei Lust verspürte. Das Schlimme war, er musste für dieses Projekt mit seiner Frau zusammen arbeiten. Bei dem Projekt ging es um ein gemeinsames Miethaus, das saniert werden sollte. Für Bruno war es keine Teamarbeit. Sie stritten sehr viel und durch die verschiedenen Auffassungen war es unmöglich vorwärts zu kommen. Karen wollte das Miethaus hochwertig sanieren und somit auch ein anderes Mieterklientel rein haben. Er hingegen wollte es nach dem Motto „Gut und vernünftig“ sanieren, so dass es sich junge Familien mit weniger Verdienst und auch ältere Menschen mit kleiner Rente noch leisten konnten. In solchen Dingen war er sehr sozial eingestellt. Ihr ging es nur ums Geld. Immer mehr und mehr. Heute Nachmittag sollte der Steuerberater vorbei kommen, damit sie die steuerlich günstigere Möglichkeit anwenden konnten. Das war die letzte Möglichkeit in dieser Sache zu einer vernünftigen Einigung zu kommen.

Jetzt verspürte er erst einmal Lust auf einen Kaffee, den er aber im Café vor dem Brunnen trinken wollte. Er schnappte sich sein Jackett und ging nach draußen. In seiner Jackentasche spürte er etwas knistern. Was war das? Er holte es heraus, sah darauf und dann fiel es ihm wieder ein. DIE Tabletten. Mit ausholenden Schritten ging er am Brunnen vorbei, lächelte ein paar jungen Frauen zu und setzte sich an einen kleinen Tisch im Schatten. So konnte er den Platz gut überblicken und bekam mit, wenn der Steuerberater eintraf. Die Bedienung nahm seine Bestellung auf. Er hatte Lust auf etwas Süßes und bestellte sich zu seinem Cappuccino einen Himbeerkuchen  mit. Etwas Nervennahrung konnte in der stressigen Situation nicht schaden.

Dann begann er sich Überlegungen zu dem Blister zu machen. Seine Frau musste seit einiger Zeit Tabletten einnehmen, die ihren Blutdruck senkten. Seit dem war sie zwar etwas ruhiger, aber noch immer unausstehlich. Wie konnte es nur soweit kommen? Warum hatte er früher nie bemerkt wie sie ist? Oder hatte er sich verändert. Sobald sie in der Nähe war, gab es nur Gekeife. Das war so anstrengend. Er wollte das nicht mehr. Eine Scheidung kam nicht in Frage, das wäre eine „Never ending Story“. So drehten sich seine Gedanken im Kreis. In dem Moment sah er den Steuerberater parken. Er rief die Bedienung, bezahlte und ging nach Hause.

Der Steuerberater wollte gerade klingeln, aber da stand Bruno schon neben ihm und begrüßte ihn freundlichen. „Kommens doch herein, Herr Meiergrundler. Freut mich Sie zu sehen und schönen Dank, dass Sie bei uns vorbeikommen“, sagte er. „Meine Frau ist oben. Dann schauen wir mal, welche Variante Sie uns empfehlen.“ Gemeinsam gingen sie ins Arbeitszimmer. Karen war bereits im Zimmer und hatte ein wenig Fingerfood und Getränke bereit gestellt. „Grüße Sie, Herr Steuerberater. Freut mich, dass Sie da sind. Dann schauen wir mal, ob Sie uns weiterhelfen können. Setzen Sie sich doch erst einmal hin. Möchten Sie etwas trinken?“ redete Karen auf Herrn Meiergrundler ein. Der Steuerberater sah erst einmal etwas verwirrt drein, bat dann aber um eine Tasse Kaffee. Karen brachte ihm das Gewünschte und setzte sich zu den Männern.

Es wurde viel gesprochen und gerechnet. Schlussendlich fand man eine Möglichkeit, die Karen akzeptieren sollte und nach längeren Debatten zustimmte. Auch wenn sie hier ihren Willen nach teurer Sanierung nicht bekommen hatte. Nach der Sanierung konnte die Miete in den nächsten drei Jahren um bis zu 20 % angehoben werden, das hatte für sie den Ausschlag gegeben, denn das wollte sie auf jeden Fall durchziehen. Der Steuerberater verabschiedete sich und ging. Er war froh von dem ungleichen Paar weg zu kommen. Diese Streitereien waren ihm unangenehm.

Karen räumte noch auf während Bruno ins Wohnzimmer ging. Er schnappte sich die Fernbedienung und fläzte sich auf die Couch. Da sah er die Blutdruck senkenden Tabletten von Karen liegen. Der Blister schaute etwas aus der Schachtel heraus. Er sah sich den Blister genauer an. Der sah ja aus, wie der in seiner Jackentasche! Das musste er sich jetzt genauer ansehen. Er holte die anderen Tabletten aus seinem Jackett und verglich beide Blister miteinander. Der einzige Unterschied war die Schriftfarbe, der Hersteller war derselbe. Schnell tauschte er beide Blister miteinander aus und schob die Blutdrucksenkenden in seine Hosentasche. Die wollte er nachher gleich mit dem Müll nach draußen bringen.

Kaum hatte er den Tausch vorgenommen, da erschien Karen bei ihm im Wohnzimmer. „Du hättest auch mit aufräumen können“, keifte sie ihn an. „Jetzt hab dich nicht so“, erwiderte er genervt. Da fing sie auch noch an, den Couchtisch abzuräumen und sorgte so für noch mehr Unruhe. Damit brachte sie Bruno auf die Palme. „Kannst du nicht einmal einfach nur Ruhe geben? Muss das jetzt sein?“ schimpfte er, schaltete den Fernseher aus und ging ins Gästezimmer.

Karen lächelte in sich hinein. So, jetzt hatte sie wenigstens hier Ruhe und konnte ihre Serie ansehen. Sie holte noch die angebrochene Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank und goss sich ein Glas ein. Dabei fiel ihr ein, dass sie ja ihre Tabletten noch nehmen sollte. Am Mittag hatte sie die Einnahme schon vergessen. Was soll es, dachte sie sich und drückte sich zwei Tabletten in die Hand und kippte diese mit einem großen Schluck Wasser runter. Nach dem Film zappte sie durch die Sender. Ihr war auf einmal so heiß. Sie öffnete die Balkontüre, aber es wurde nicht wesentlich kühler. Außerdem hatte sie starkes Herzklopfen. Komisch, dachte sie. Was ist nur los? Sie brauchte noch etwas zu trinken. So durstig. Es hatte nichts Scharfes zu essen gegeben. Da hätte sie es noch verstanden. Sie schüttelte den Kopf und erhob sich, um in die Küche zu gehen. Ihr verschwamm alles vor den Augen. Sie torkelte und krachte auf den Wohnzimmertisch, der mit lautem Knall zerbarst.

Bruno rumpelte erschrocken hoch und sah sich um. Was war das denn? Er stand auf, um nach der Ursache zu suchen. Da fand er seine Frau liegend auf dem Boden im Wohnzimmer. Er ging zu ihr und hockte sich neben sie. Sie atmete heftig und krächzte: Krankenwagen.

Polterabend

Das waren Zeiten, als wir in unserer Stadt durch die Kneipen gezogen sind. Wir wohnten gerade zehn Häuser voneinander entfernt. Unsere Väter waren schon miteinander befreundet und so hat sich auch für uns eine langjährige Freundschaft entwickelt. Eine Freundschaft, die auch heute noch andauert. Meine längste Freundschaft und wohl auch die intensivste. Was wir schon alles mit einander erlebt haben!

Tja, und dann hatte sie eine neue Liebe, einen Musiker. Das beste an ihm, aus meiner damaligen Sicht: Wir waren auf vielen Parties und konnten tanzen bis zum Abwinken.

Nach etwa einem Jahr, ich weiß es nicht mehr so genau, kam das unvermeidliche. Die beiden hielten es für die große Liebe und wollten heiraten. Weil es so üblich war, sollte es davor einen Polterabend geben für Familie und Freunde. Für mich hieß das zu überlegen, was es lustiges geben könnte, ihr den Zugang zur Wohnung – ins Schlafgemach – zu erschweren. Mit einer gemeinsamen Freundin hatte ich die Idee. Einmalig war sie und wurde meiner Meinung nach niemals kopiert. Unterstützung fanden wir damals bei ihrem Bruder. Da beide Freundinnen und der Bruder als Zahntechniker arbeiteten ließ ich mir Gipsmodelle geben, die nicht mehr gebraucht wurden. Das versteht sich ja von selbst, oder? Es waren viele Gebisse, die ich da bekam…

gispzahne
Bild aus Fotolia

Dann war es soweit. Polterabend. Geschirr wurde zerschlagen und sogar Kloschüsseln aus Porzellan (das hatte ich vorher noch nie erlebt!). Was da an Porzellan auf den Pflastersteinen zerschellte war schon immens. Das Brautpaar hatte fleißig die Scherben auf einen Haufen zusammen gekehrt. Dann gab es immer wieder ein paar besonders Freche, die den Haufen wieder auseinander räumten. Das war wirklich nicht fein! Wie jeder andere Abend auch, ging auch dieser zu Ende. Nach dem das Buffet geleert war und die Getränke zur Neige gingen, war es Zeit dass die Liebenden in die Wohnung gingen.

Da lagen sie nun, die Gipsgebisse. Auf der Treppe nach oben, in Wasser schwimmend hatte sich der Gips teilweise wieder verflüssigt. O.k., nur die Unterseite der Modelle! Es sah lustig aus, die vielen Gebisse auf der Treppe. Die grinsten irgendwie.

Endlich waren die Beiden in der Wohnung, verfolgt von einigen hartnäckigen Gästen. Bei Eintritt ins Schlafzimmer wurden die beiden mit Reis geduscht (ein Becher kippte beim Betreten herunter) und das Bett war voll mit Luftballons. Welch ein Spaß das war brauche ich nicht zu erzählen.

Ob die Ehe gehalten hat? Sie währte nur kurz, sehr kurz.

Nein, die Rache kam für mich nicht! Ich hatte keinen Polterabend 😉

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Verschenkte Zeit

In vielen Bereichen wird oft Zeit „verschwendet“. Sei es im beruflichen oder im privaten Bereich. Dass es sich im beruflichen schwieriger gestaltet, weil der Verdienst und die Lebensqualität davon abhängen, ist verständlich.

Im privaten Bereich kenne ich es aus eigener Erfahrung, dass ich mich später frage: Warum eigentlich?

Meine fünf Jahre jüngere Schwester hat zwanzig Ehejahre geschafft bevor sie sich aus der Ehe befreien konnte, eine Freundin gar 25 Jahre. Auffällig bei beiden ist, dass sie sehr jung geheiratet haben – mit knapp zwanzig Jahren und dann auch recht schnell ein Kind da war. Ich war Mitte zwanzig, schwanger und nach elf Jahren war die Ehe vorbei. Zumindest auf dem Papier. Die letzten fünf Jahre waren es nicht Wert als Ehe bezeichnet zu werden. Die Luft war bereits raus und die Gemeinschaft nur noch der Kinder wegen – schließlich waren es inzwischen drei! – zumindest von meiner Seite.

Ich stelle fest, dass viele Menschen in Beziehungen „hängen“ bleiben, obwohl ihnen diese nicht gut tut. Heute habe ich erst mit einer Freundin gesprochen, die knapp zehn Jahre Beziehung hinter sich hatte und dann auch noch drei Jahre brauchte um sich emotional zu lösen. Im Nachhinein versteht sie das selbst nicht mehr. Sie wusste, dass es für sie falsch war und doch blieb sie.

Warum bleibt der Mensch in solchen Konstellationen hängen? Warum tun wir das? Warum begeben wir uns in eine Abhängigkeit? Wir leben in einer aufgeklärten Zeit und haben ein soziales Netz, welches uns auffängt, wenn es – gerade für uns Frauen mit Kindern – einmal etwas eng wird.

Meine Singlezeiten waren für mich geprägt mit Lernen, Leben(s)erfahrung, vielen schönen Freundschaften und dem eigenen Wachstum. Ja, es hat mich in vielen Dingen auch „hart“ gemacht. Ich bin oft gegen eine Mauer gelaufen, hingefallen und immer wieder aufgestanden. Auch das macht das Leben erst lebenswert. Ganz ehrlich: Lieber kämpfe ich, für mich und die meinen, als in irgendeiner Art Beziehung fest zu stecken, von der ich spüre, dass sie mir schadet.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf sinnvoll genutzte Zeiten! Mit oder ohne Partner 🙂

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Intrigen

Es gibt Menschen, die lachen einem ins Gesicht und tun so als wären sie die besten Freunde, begleiten einen durch eine schwierige Situation und ziehen über die „Gegenseite“ her. Mit seinem Gut-Kumpel-Getue hatte Bernd nur Informationen gesammelt – über sie. Um es jetzt bei ihrem Ex-Mann gegen sie vorzubringen. Wobei es nichts vorzubringen gibt. Die Scheidung ist durch und lt. ihrem Anwalt geht es nur noch um Teile aus dem Haushalt. Streitereien bei denen nur Anwalt und Gericht Geld verdienen. Für eine Ehe, die ein Jahr gehalten hat, wird nun seit zwei oder drei Jahren herum gestritten. Der Ex ist ausgezogen und hat das Haus mit seiner neuen Freundin in einer Nacht- und Nebelaktion ausgeräumt. ER ist gegangen. ER hat mitgenommen. Also, soll ER jetzt endlich Ruhe geben. Tut er nicht. Hat er auch bei seinen Exfrauen nicht.

Bernd hatte immer Verständnis geheuchelt und sie aufgestachelt sich nichts gefallen zu lassen. Und jetzt? Sagt er das selbige zu den anderen. Ein Lügengebilde lässt sich nicht lange aufrecht erhalten. Ich hatte meine Freundin schon von Anfang an vor diesem Kerl gewarnt. Irgendwie fühlte ich, dass hier etwas nicht koscher ist. In seinen Augen konnte ich es sehen. Gerne hätte ich mich geirrt.

Jetzt gab es wieder eine Verhandlung, zu der ich meine Freundin begleitet habe. Zur seelischen und moralischen Unterstützung, denn Bernd sollte mit ihrem Ex-Mann kommen. So war es auch. Bernd hatte kurz herüber geschaut, aber konnte mir nicht in die Augen sehen. Mich anzusprechen hat er nicht gewagt… Ich weiß, es kommt der Tag an dem er für sein Verhalten büßen darf. Einmal wird ihn dieses Verhalten sein Genick brechen!

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