Außenseiter

Da stehen wir und beobachten,

wünschen uns nicht wirklich mitten drein.

Mehr als beobachten wird

in diesem Verbunde sowieso nicht sein.

Familienverbunde sind dick und hart

selbst im Streit bleiben Verbundene ganz smart.

Da dürfen Fetzen gerne fliegen,

harte Worte können siegen.

Gefühle zwar meist lange erkaltet

Herzen bereits auch ausgeschaltet.

Das Blut, das alles verbindet

um Falsches sich als Schlange windet.

Erdrückend bindend über Jahre hinweg

der ziehende Sumpf, ein zäher Dreck.

Manch einer schafft es die Fesseln zu sprengen

überflügelt alle um etliche Längen

taucht ein in ungewohntes Glück,

lebt den Augenblick und ist entzückt.

©UMW

Berechnend (Teil II)

Es war ein paar Tage her, dass Bruno zu Besuch bei Sabrina war. Er wollte seine Liebste zum nächsten Wochenende wieder sehen. Nach der Kälte in seiner Ehe hatte er Nähe und Wärme dringend nötig und das bekam er nun mal nur bei Sabrina.

In diesen Tagen hatte er einiges zu erledigen, zudem er aber keinerlei Lust verspürte. Das Schlimme war, er musste für dieses Projekt mit seiner Frau zusammen arbeiten. Bei dem Projekt ging es um ein gemeinsames Miethaus, das saniert werden sollte. Für Bruno war es keine Teamarbeit. Sie stritten sehr viel und durch die verschiedenen Auffassungen war es unmöglich vorwärts zu kommen. Karen wollte das Miethaus hochwertig sanieren und somit auch ein anderes Mieterklientel rein haben. Er hingegen wollte es nach dem Motto „Gut und vernünftig“ sanieren, so dass es sich junge Familien mit weniger Verdienst und auch ältere Menschen mit kleiner Rente noch leisten konnten. In solchen Dingen war er sehr sozial eingestellt. Ihr ging es nur ums Geld. Immer mehr und mehr. Heute Nachmittag sollte der Steuerberater vorbei kommen, damit sie die steuerlich günstigere Möglichkeit anwenden konnten. Das war die letzte Möglichkeit in dieser Sache zu einer vernünftigen Einigung zu kommen.

Jetzt verspürte er erst einmal Lust auf einen Kaffee, den er aber im Café vor dem Brunnen trinken wollte. Er schnappte sich sein Jackett und ging nach draußen. In seiner Jackentasche spürte er etwas knistern. Was war das? Er holte es heraus, sah darauf und dann fiel es ihm wieder ein. DIE Tabletten. Mit ausholenden Schritten ging er am Brunnen vorbei, lächelte ein paar jungen Frauen zu und setzte sich an einen kleinen Tisch im Schatten. So konnte er den Platz gut überblicken und bekam mit, wenn der Steuerberater eintraf. Die Bedienung nahm seine Bestellung auf. Er hatte Lust auf etwas Süßes und bestellte sich zu seinem Cappuccino einen Himbeerkuchen  mit. Etwas Nervennahrung konnte in der stressigen Situation nicht schaden.

Dann begann er sich Überlegungen zu dem Blister zu machen. Seine Frau musste seit einiger Zeit Tabletten einnehmen, die ihren Blutdruck senkten. Seit dem war sie zwar etwas ruhiger, aber noch immer unausstehlich. Wie konnte es nur soweit kommen? Warum hatte er früher nie bemerkt wie sie ist? Oder hatte er sich verändert. Sobald sie in der Nähe war, gab es nur Gekeife. Das war so anstrengend. Er wollte das nicht mehr. Eine Scheidung kam nicht in Frage, das wäre eine „Never ending Story“. So drehten sich seine Gedanken im Kreis. In dem Moment sah er den Steuerberater parken. Er rief die Bedienung, bezahlte und ging nach Hause.

Der Steuerberater wollte gerade klingeln, aber da stand Bruno schon neben ihm und begrüßte ihn freundlichen. „Kommens doch herein, Herr Meiergrundler. Freut mich Sie zu sehen und schönen Dank, dass Sie bei uns vorbeikommen“, sagte er. „Meine Frau ist oben. Dann schauen wir mal, welche Variante Sie uns empfehlen.“ Gemeinsam gingen sie ins Arbeitszimmer. Karen war bereits im Zimmer und hatte ein wenig Fingerfood und Getränke bereit gestellt. „Grüße Sie, Herr Steuerberater. Freut mich, dass Sie da sind. Dann schauen wir mal, ob Sie uns weiterhelfen können. Setzen Sie sich doch erst einmal hin. Möchten Sie etwas trinken?“ redete Karen auf Herrn Meiergrundler ein. Der Steuerberater sah erst einmal etwas verwirrt drein, bat dann aber um eine Tasse Kaffee. Karen brachte ihm das Gewünschte und setzte sich zu den Männern.

Es wurde viel gesprochen und gerechnet. Schlussendlich fand man eine Möglichkeit, die Karen akzeptieren sollte und nach längeren Debatten zustimmte. Auch wenn sie hier ihren Willen nach teurer Sanierung nicht bekommen hatte. Nach der Sanierung konnte die Miete in den nächsten drei Jahren um bis zu 20 % angehoben werden, das hatte für sie den Ausschlag gegeben, denn das wollte sie auf jeden Fall durchziehen. Der Steuerberater verabschiedete sich und ging. Er war froh von dem ungleichen Paar weg zu kommen. Diese Streitereien waren ihm unangenehm.

Karen räumte noch auf während Bruno ins Wohnzimmer ging. Er schnappte sich die Fernbedienung und fläzte sich auf die Couch. Da sah er die Blutdruck senkenden Tabletten von Karen liegen. Der Blister schaute etwas aus der Schachtel heraus. Er sah sich den Blister genauer an. Der sah ja aus, wie der in seiner Jackentasche! Das musste er sich jetzt genauer ansehen. Er holte die anderen Tabletten aus seinem Jackett und verglich beide Blister miteinander. Der einzige Unterschied war die Schriftfarbe, der Hersteller war derselbe. Schnell tauschte er beide Blister miteinander aus und schob die Blutdrucksenkenden in seine Hosentasche. Die wollte er nachher gleich mit dem Müll nach draußen bringen.

Kaum hatte er den Tausch vorgenommen, da erschien Karen bei ihm im Wohnzimmer. „Du hättest auch mit aufräumen können“, keifte sie ihn an. „Jetzt hab dich nicht so“, erwiderte er genervt. Da fing sie auch noch an, den Couchtisch abzuräumen und sorgte so für noch mehr Unruhe. Damit brachte sie Bruno auf die Palme. „Kannst du nicht einmal einfach nur Ruhe geben? Muss das jetzt sein?“ schimpfte er, schaltete den Fernseher aus und ging ins Gästezimmer.

Karen lächelte in sich hinein. So, jetzt hatte sie wenigstens hier Ruhe und konnte ihre Serie ansehen. Sie holte noch die angebrochene Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank und goss sich ein Glas ein. Dabei fiel ihr ein, dass sie ja ihre Tabletten noch nehmen sollte. Am Mittag hatte sie die Einnahme schon vergessen. Was soll es, dachte sie sich und drückte sich zwei Tabletten in die Hand und kippte diese mit einem großen Schluck Wasser runter. Nach dem Film zappte sie durch die Sender. Ihr war auf einmal so heiß. Sie öffnete die Balkontüre, aber es wurde nicht wesentlich kühler. Außerdem hatte sie starkes Herzklopfen. Komisch, dachte sie. Was ist nur los? Sie brauchte noch etwas zu trinken. So durstig. Es hatte nichts Scharfes zu essen gegeben. Da hätte sie es noch verstanden. Sie schüttelte den Kopf und erhob sich, um in die Küche zu gehen. Ihr verschwamm alles vor den Augen. Sie torkelte und krachte auf den Wohnzimmertisch, der mit lautem Knall zerbarst.

Bruno rumpelte erschrocken hoch und sah sich um. Was war das denn? Er stand auf, um nach der Ursache zu suchen. Da fand er seine Frau liegend auf dem Boden im Wohnzimmer. Er ging zu ihr und hockte sich neben sie. Sie atmete heftig und krächzte: Krankenwagen.

Das Loch

Da gibt es ein Loch in der Tür. Es handelt sich nicht um das Schlüsselloch und es besteht inzwischen seit gut zwanzig Jahren. Ganz schön lange her und noch immer kaputt. Vielleicht ist es an der Zeit die Türe zu tauschen um Erinnerungen daran für alle Zeit auszulöschen.

Seinerzeit war die Zwergin Ukalele noch mit Lelelaku verheiratet. Nach mehreren Kindern hatte sie inzwischen die Lust auf ihren Mann verloren, zumal sie ihn auch gar nicht mehr riechen konnte. Sie hatte eine viel zu empfindsame Nase. Lelelaku rauchte sehr viel und trank mehrere Liter Bier am Abend. Könnt ihr euch diesen Geruch vorstellen? Ukalele war es demnach nicht zu verdenken, dass sie diesen Mann schlichtweg nicht mehr riechen konnte.

Eines Abends kam Lelelaku nach Hause und erhob Anspruch auf Ukalele und ihre „eheliche Pflichten“. Ukalele ekelte es vor ihrem Mann und weigerte sich der auferlegten Pflicht nachzukommen. Daraufhin war Lelelaku so erbost, dass er der Tür zum Schlafzimmer einen Tritt mit der Ferse verpasste. Seit dem ist an dieser Stelle ein Loch in der Tür. Ukalele jedoch ergab sich an diesem Abend ihrem Mann und wurde schwanger. Damit hatte sie nicht gerechnet, aber die Natur hält mitunter Überraschungen bereit.

So gingen die Jahre ins Land. Das Kind, ein Junge, wuchs heran und machte ihr viel Freude. Er, Luluku,  war anders als die Geschwister – schwieriger, jähzornig. Und dennoch liebte sie dieses Kind, denn er war auch immer ein Sonnenschein. Zumindest solange alles nach seiner Zufriedenheit ablief.

Eines Tages hatte Ukalele heftigen Streit mit Lelelaku und er schlug sie in seiner Trunkenheit sehr heftig. Die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise nicht zu Hause. Als sie am nächsten Tag zurück kamen sahen sie mit Schrecken ihre Mutter an. Luluku, inzwischen neunjährig, grinste seine Mutter an und meinte boshaft, dass sie es wohl gebraucht hätte. Ukalele überhörte es und ging auf die Boshaftigkeit nicht ein.

Die Jahre vergingen, Ukalele war inzwischen geschieden und lebte mit ihren Kindern alleine in ihrer Hütte. Mit Müh und Not schaffte sie es alles am Laufen zu halten.

Die Kinder wuchsen heran und gingen immer mehr ihre eigenen Wege. Luluku war mit seinen fünfzehn Jahren ein sehr aufmüpfiger Mensch, der laufend Probleme machte, die seiner Mutter sehr zusetzten. An seinem Geburtstag verärgerte er seine Mutter sehr. Mit einem Fingerzeig auf das Loch in der Tür gab sie ihm zu verstehen, dass er nicht auf der Welt wäre, wenn es dieses Loch in der Tür nicht gäbe. Diese Aussage schmerzte sie selbst sehr – schon in dem Augenblick, in dem sie es ausgesprochen hatte. Von da ab war ein Riss in ihrer sowieso schon brüchigen Beziehung und dies hielt sehr lange an. Würde sie es je schaffen diesen Faux Pas auszuräumen?

©UMW