Das Chaos tobt

Jeder hat eine eigene Vorstellung von Chaos. Mich macht es nervös. Eine gewisse Struktur und Ordnung benötige ich. Vor allem um zur Ruhe zu kommen.

Jedoch gibt es Zeiten, da lässt sich Chaos nur schwer vermeiden. Mein nächster Umzug steht bevor. Morgen. Soweit habe ich alles gepackt. Nur noch mein Bettzeug muss in die vorgesehene Truhe und meine Beautyutensilien aus dem Badezimmer dürfen verstaut werden. Dann darf es losgehen. In die nächste Wohngemeinschaft. Nachdem ich hier bei einer rauchenden Ü70jährigen gelebt hatte, erwarten mich nun Mädels mit Ü40 und Ü50. Beide aktiv und Nichtraucher. Das passt viel besser zu mir. Beim Kennenlernen haben wir zudem einige Matchpunkte festgestellt. Somit lässt sich eher einmal etwas gemeinsam unternehmen.

Ich fiebere dem Tag morgen schon entgegen. Es ist wieder ein Altbau mit einem wunderschönem Treppenhaus und hohen Decken. Nach einem möblierten Zimmer wartet nun ein Leerraum auf mich sowie eine Küche mit Backofen. Bisher gab es nur einen 2-Platten-Herd. Endlich kann ich dann wieder einmal etwas backen 🙂 Einen kleinen Süd-Balkon gibt es künftig ebenfalls. Zudem spare ich mir 100 € bei der Miete.

Um mein Hab und Gut möglichst zügig umzuziehen, helfen mir meine Söhne und eine Freundin. Wenn alles nach meinen Vorstellungen klappt, kann ich morgen Nachmittag bereits die Kisten auspacken.

©by UMW

Geschafft…

Sommer in der Stadt bekommt für mich erst einmal eine neue Bedeutung. Seit Samstag lebe ich mitten drin. Mitten in München. Mitten in einem begehrten Viertel. In einer Wohngemeinschaft. Einer Kommune. Oder ganz schlicht zur Untermiete.

Mein Reich ist ein möbliertes Zimmer. Die Möbel sind mit asiatischem Touch, Richtung Kolonialzeit. Die Couch ist mein Bett. Ziemlich breit und bequem. In derselben Art hatte ich eine vor gut fünfzehn Jahren.

Die Küche ist groß, eher eine Wohnküche. Jedoch sehr spartanisch, wie meine Tochter sich ausdrückte. Es hat nur einen Zweiplatten-Herd, keinen Backofen. Ich hatte ja schon gelernt mit nur so wenig klar zu kommen. Das funktioniert auch hier. Ansonsten sind alle Gerätschaften, Töpfe und Geschirr vorhanden. In der Umgebung gibt es jede Menge Restaurants, so dass das Kochen gut ausfallen kann.

Bad und WC sind getrennt voneinander. Es gibt ein Wannenbad, eine Waschmaschine und viel Platz in einer Kommode, in der aller Krimskrams für Körperpflege und Aufhübschen untergebracht werden kann.

Meine Vermieterin ist zwar bereits siebzig Jahre alt, geht aber noch immer arbeiten. Wie eine siebzigjährige wirkt sie auch nicht. Als Schauspielerin (Theater und Film) geht sie als sechzigjährige durch und wird so – noch immer, wenn auch selten – eingesetzt. Den Mietvertrag habe ich vorerst auf zwei Monate beschränkt. Da können wir uns kennenlernen und sehen, ob es klappt. Einer Verlängerung steht dann auch nichts entgegen.  

Bis zur Leopoldstrasse habe ich keine zehn Laufminuten und im englischen Garten, der größten grünen Lunge einer Stadt, bin ich in einer Viertel Stunde. Zum Olympiapark sind es etwa zwanzig Minuten. Die Lage ist ein Traum und ja, ich bin glücklich.

wenn ich meine Krone nicht benötige, hängt diese an der Decke 😉

©by UMW

Das war’s dann wohl…

Genau drei Monate waren es schlussendlich. Jetzt bin ich wieder frei. O.k., frei war ich die ganze Zeit. Nur… Fühlte ich mich in meinen eigenen vier Wänden eingeschränkt. Ich merke schon, ihr habt alle so Fragezeichen in euren Augen.

Gut. Ich beginne von vorne. Genau genommen im Mai. Mitte Mai. Zu der Zeit hatte mich meine Nachbarin und Arbeitskollegin des öfteren mit dem Fahrrad in die Arbeit begleitet. Einmal fing sie an: „Duhu… Sag mal… Bei dir steht doch ein Zimmer frei? Magst das nicht vermieten? Eine Freundin von mir sucht etwas. Die hausen zu Viert in einer 2-Zimmer-Wohnung. Da hat sie nie Ruhe zum Lernen. Die hat bald Prüfungen.“ Ich versprach mir Gedanken zu machen. Außerdem wollte ich die knapp 30jährige Frau kennenlernen.

Ich lernte sie kennen. Sie wirkte offen und machte soweit einen netten Eindruck. Gut, wir wollten es miteinander probieren. Ende Mai bezog sie das Zimmer. Den großen Campingtisch stellte ich ihr als Arbeitsplatz zur Verfügung. Die Hälfte des im Zimmer befindlichen Schrankes durfte sie ebenfalls nutzen. Einen Lattenrost und eine Matratze brachte sie mit. Und viele Kisten mit Bücher, Kleidung etc. Irgendwie viel zu viel für dieses Zimmer. So wirklich verräumt wurde das Ganze auch nie. Wohnzimmer, Küche und Bad sollten gemeinsam genutzt werden und ich bat um Ordnung.

An dieser Stelle sei gesagt, dass ich da kein Fanatiker bin. Einfach ganz normale Ordnung, wie mal saugen, Flecken weg machen oder aufwischen, wenn etwas hinunterfällt etc. und im Bad auf Sauberkeit achten.

Ihr Zimmer war auf der Wetterseite. Deshalb war es mir wichtig, hier die Fenster bei Abwesenheit zu schließen. Es hatte schon häufig herein geregnet und mir ist das Wasser bereits von der Gaubendecke getropft. Das sagte ich ihr auch so.

In der ersten Zeit erzählte sie noch viel. Wenn sie anfing, fand sie selten ein Ende. Die andere Zeit verzog sie sich in ihr Zimmer. Soweit ich mitbekam war sie die meiste Zeit nur am PC und online Filme schauen.

Irgendwann dann mal im Bad, piekste mich irgend etwas in die Füße. Mehrfach. Bei genauerem Hinsehen lagen da Nägel auf dem Badteppich verteilt. Von mir stammten die nicht. Als Manu spät nach Hause kam, machte ich sie darauf aufmerksam. Ich finde es wichtig so etwas direkt anzusprechen. Sie durfte diese gleich noch weg saugen, was ihr ganz offensichtlich nicht wirklich gefiel. Kurze Zeit darauf fand ich die Toilette in unsauberen Zustand vor. Na ja… Gut, sie entschuldigte sich und versprach mehr darauf zu achten. Mit der Zeit sammelte sie das Geschirr im Zimmer, so dass die Reste eintrockneten. Mein Gemüsemesser fand ich generell bei ihr. Und dann kam der Tag, an dem es so richtig schüttete. Vom Himmel Regen im Sturzbach fiel. Ihr Fenster gekippt. Das Wasser sammelte sich auf dem Sims und lief herunter. Eine Pfütze hatte sich bereits gesammelt. Ich schrieb ihr eine WhatsApp mit dem Hinweis, dass in ihrem Zimmer Überschwemmung sei und sie bei der Gelegenheit das Zimmer überhaupt einmal putzen könnte. Inzwischen wohnte sie ja schon etwas mehr als 8 Wochen da und hatte es noch keinmal geschafft zu saugen oder nass zu wischen. Es kam keine Reaktion. Und von da ab sprach sie nicht mehr mit mir. Ging mir aus dem Weg. Ich wartete noch ein paar Tage. Nichts! An dem folgenden Samstag war ich in der Küche. Ich hörte sie ins Bad gehen, dann klappte ihre Zimmertür und ich sah sie die Wohnung verlassen. Kein Wort. Nichts. Per WhatsApp habe ich nachgefragt, ob sie mir aus dem Weg gehen würde oder was los sei. Ob sie eine Auseinandersetzung befürchtete. Es kam keine Antwort. Gelesen war es. Nach einer halben Stunde habe ich ihr dann geschrieben, dass ein gemeinsames Wohnen so keinen Sinn macht und sie zum Ende des Monats ausziehen soll.

Tja. Es ist Ende des Monats. Das Zimmer ist leer. Mein Schlüssel hängt wieder im Kasten. Das Zimmer habe ich picobello geputzt und geräuchert. Und ich, ich habe jetzt wieder meinen Seelenfrieden 🙂

©by UMW